Umtriebiger Geist.
Freitag 18. April: Die Schule am Ort hat uns eingeladen. Wir werden von etwa 1500 Studenten freundlich empfangen, die spontan die Nationalhymne singen. Danach ist es Zeit für das freitägliche „Hygiene-Theaterstück“. Von und für die Schüler. Dieses Mal geht es um ihre starrköpfigen Eltern, die an ihren Traditionen in Sachen Hygiene festhalten. So behauptet der Vater, dass ein WC überflüssig ist, wenn man sich auch in den Garten hocken kann, und man vor dem Essen und nach Benutzung der Toilette nicht die Hände waschen soll, weil das Wasser zu knapp ist. Der Vater wird aufgrund seiner eigenen Regeln selbst krank, will aber wider besseren Wissens nicht zum Arzt gehen. Er geht nur zum traditionellen Guru, der den „umtriebigen Geist“ im Bauch des Vaters vertreiben soll. Den Kindern gelingt es dann doch, mit Hilfe dessen, was sie in dieser Schule über Hygiene gelernt haben, ihren Vater davon zu überzeugen, in ein echtes Krankenhaus zu gehen, eine richtige Außentoilette zu bauen und wirklich vor dem Essen und nach Toilettenbenutzung die Hände mit Wasser und Seife zu waschen. Happy End!
Oder doch nicht? Es wurde zwar toll gespielt und das ist eine gute Initiative, aber bei der Befragung durch die Lehrer erfahren wir, dass es nicht immer so einfach abläuft und dass viele Eltern unbelehrbar an ihren schlechten hygienischen Gewohnheiten festhalten. Mit den unvermeidlich desaströsen Konsequenzen. 250.000 Kinder in Äthiopien sterben noch immer jedes Jahr an Diarrhöe, nachdem sie verunreinigtes Wasser getrunken haben, das ihnen ihre Eltern gegeben haben.
Sie kamen näher und näher und näher…
Nach einer mehr als einstündigen Fahrt auf einer der unangenehmsten Strecken überhaupt, kommen wir an unserem nächsten Ziel an. Diese Gemeinde lebt hoch in den Bergen. Wir werden herzlich begrüßt von singenden, tanzenden, ausgelassenen Frauen, sowie von ihren in zu großer Sonntagskleidung steckenden Ehegatten. Ein prächtiges Schauspiel der Farben, Gerüche und Geräusche. Plötzlich höre ich, wie sich aus der Ferne ein neues Geräusch nähert. Ich kann es nicht orten und sehe auch nichts. Bis mit einem Mal auf der Kuppe eines Hügels Hunderte von Kindern zu sehen sind, die sich singend auf uns zu bewegen. Sie singen immer ein und dasselbe Wort. Es klingt fast wie ein Mantra. Sie kommen näher und näher, bis ich ihren Gesang deutlich verstehen kann: „Welcome, Welcome, Welcome…“. Es sieht fantastisch aus. Ich werde tatsächlich ganz ruhig und ergriffen davon. Ihre Dankbarkeit für uns, die ihnen sauberes Wasser und so auch ein besseres Leben gegeben haben, ist unermesslich. Eine sehr schöne Geste ihrerseits, ein warmes Gefühl auf meiner Seite.
Unerträglich!
Wir teilen uns in zwei Gruppen auf. Sadie ist der gefürchteten Diarrhöe zum Opfer gefallen und bleibt in der Schule. Ich fühle mich physisch noch in Ordnung, also ziehe ich weiterhin mit einigen der Helfer vor Ort in die Berge, um nach den weiteren verschiedenen Wasserprojekten zu suchen. So begegnen wir an einer der Wasserstellen einer Mutter mit ihrer Tochter, die gerade ihren Vorrat an sauberem Wasser abholen. Bei meinem Gespräch mit ihnen wird klar, dass auch für sie der unproblematische Zugang zu sauberem Wasser der erste Schritt aus der Armut war. Die Tochter kann jetzt zurück in die Schule, um für ihre Zukunft zu sorgen. Die Mutter hat jetzt mehr Zeit, um unter anderem Gemüse anzubauen, anstatt sechs Stunden lang Wasserbehälter schleppen zu müssen. Das Gemüse sorgt für eine gesündere Ernährung, stärkt die körperlichen Abwehrkräfte und sorgt so auch für weniger Krankheiten. Das überschüssige Gemüse verkauft sie auf dem Markt im Ort, so dass sie neben ihrem Ehemann jetzt auch ein Einkommen hat. So hat diese Familie ihren Lebensstandard allmählich verbessern können. Durch sauberes und erreichbares Wasser.
Ich wollte auch einmal selbst die Erfahrung machen, wie es sich anfühlt, mit 25 Litern Wasser auf dem Rücken zu gehen. Also übernahm ich die Last von der Tochter. Zur Wasserstelle, den Kanister gefüllt, die Knie durchdrücken und hopp… Mann, ist das schwer!!! Ich folge der Mutter, die bereits rasch den Berg hinauf läuft. Nach keinen 50 Metern am Hang verliere ich an die Vorhut – bestehend aus einer 60-jährigen Mutter – den Anschluss… Das ist unerträglich! 2x am Tag, 25 Liter pro Kanister, etliche Stunden schleppen, durch schwieriges Gelände, auf bloßen Füßen… mein Respekt!
Ihre Kommentare hinzufügen
Reisebericht Sadie (9 posts)
Interview (6 posts)
Reisebericht Serge (8 posts)
Sadie (15 posts)
Sadie Ramm (1 posts)
Serge (8 posts)